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Hip Hop? Mach mal ‘nen Punkt…

Donnerstag, Januar 8th, 2009

Es ist seit Anbeginn der Zeit der menschlichen Zivilisation gegeben, dass die meisten Menschen Musik als einen nicht unerheblichen Teil ihes Lebens ansehen und weiterhin ist es gegeben, dass Menschen sich gern mit Gleichgesinnten zusammenrotten. Musik und Gemeinschaft sind also zwei scheinbar grundlegende menschliche Bedürfnisse, daher verwundert es kaum, dass es dabei hin und wieder zu Überschneidungen kommt; so auch im Falle Hip Hop. Doch ist die Vorstellung von Hip Hop als Kultur solidarischer Verbundenheit in meinen Augen pubertär und romantisch. Eine schlichte Musikrichtung zur Lebensart hochzustilisieren, mag in der goldenen Ära des Punks oder von mir aus auch den Anfangstagen des Hip Hops Sinn gemacht haben, doch wirkt es übertragen auf den hiesigen Durchschnitts-Raphörer in mitteldeutschen Kleinstädten eher deplaziert. Was hat dieser nämlich damit zuschaffen, dass im Amerika der 80er und 90er Jahre ein Teil der afro-amerikanischen Gemeinschaft New Yorks so wütend über ihre Armut war, dass sie ihrem Leid innovativ Ausdruck verleihen wollte? Richtig, nichts. Ich mag gute Beats, Reime, Ideen und Flows und fühl mich von den vermittelten Inhalten im besten Falle unterhalten oder gar persönlich betroffen. Ich bin absoluter Rapfan und Nerd, doch von irgendeiner Art Kultur spühre ich nichts, traurig aber wahr. Aber hey, ich bin mir sicher da kein Einzelfall zu sein; erforscht eure Gefühle: wahrscheinlich geht es vielen genauso, auch wenn sie bislang der Überzeugung waren „Hip Hop zu sein“ – wie albern das schon klingt. Die von der Echthalter-Fraktion proklamierten Werte der kritischen Wachsamkeit durch Angehörigkeit der Hip Hop Kultur zu begründen, halte ich für etwa so dreist wie die die zehn Gebote als moralisches Credo anzuwenden: Eigenschaften, die jedem aufgeklärten Menschen selbstverständlich erscheinen dürften – etwa Empathie, Sozialität, Integrität, politisches Bewusstsein – werden als kulturdefinierende Errungenschaften der Hip Hop Gemeinschaft hochgehalten. Einfacher gesagt: Ich kann auch ohne die Geißeln einer Kulturvorstellung engagiert sein, genauso wie ich Nächstenliebe praktizieren kann, ohne den zehn Geboten zu folgen. Zumal diese idealistischen Vorstellung ja in den seltensten Fällen der Realität entsprechen: schaut euch doch mal ein Groß der sogenannten Vertreter der Hip Hop Kultur in Deutschland an. Gerade die unaufhaltsame Internetbewegung degeneriert den Raphörer zum Forumsnazi, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man nicht mit ihm reden kann. Oder will. Denn ganz ehrlich: ich persöhnlich unterhalte mich lieber mit coolen Leuten anderer Szeneangehörigkeit als irgendwelchen Dogmatikern mit meinem Stallgeruch.

Wie schlimm es tatsächlich um die viel beschworene Hip Hop Kultur bestellt ist, verdeutlichen die abenteuerlichen Versuche einer Defintion, auf die ich bei der Recherche zu diesem Artlikel gestoßen bin: „Hip Hop ist ein Gefühl in mir!“ …”Hip Hop ist die Art wie ich mich kleide, wie ich rede und wie ich denke.“ … „Hip Hop ist das Gebet der Straße.“ Aha. Noch etwas transzendentaler und Tupac müsste tatsächlich der Beiname „von Nazaret“ angehängt werden. Bei einer solch schwammigen Begrifflichkeit fällt es nicht schwer sich in irgendeiner Art zugehörig zu fühlen, und sei es nur um der eigenen Identitätslosigkeit Inhalt zu geben. Natürlich, es gibt noch Breakdance und Graffiti und DJing als tragende Säulen des Hip Hop Schwamms, doch Hand aufs Herz: wie viele von euch breaken, cutten oder sprühen wirklich? Auf ernst zunehmder Basis meine ich. Bitte definiert euer Hip-Hoptum über etwas ehrlicheres. Kultur bedingt Einsatz und Aktivität – nicht bloß den Konsum bestimmter Lieder und rumgammeln in Internetforen.

Versteht mich nicht falsch, es ist mir durchaus bewusst, dass Hip Hop auch ausserhalb des www stattfindet, etwa auf Festivals, Konzerten und was weiß ich was noch für Workshops in Jugendzentren und tatsächlich hatte ich beim HHK 07 ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, bedingt durch gemeinsame Erlebnisse in einer aussergewöhnlichen Situation, ABER: ist es auf Rockkonzerten & Festivals nicht auch so? Und das ohne diese klebrige Kulturvorstellung? Hip Hop ist ein Massenphänomen unter Jugendlichen und damit als Bewegung ad absurdum geführt. Als in den 90er Jahren noch tatsächlich eine geschlossene Front von Aussenseitern sich gegen den Mainstream gestellt hat und Nischenmusik produzierte, hätte ich mich mit dem Kulturbegriff wahrscheinlich noch anfreunden können, doch ist das heute komplett verloren gegangen, in einer Szene die so vielschichtig ist, dass sie Menschen derart verschiedenen Schlags abdeckt, dass sie sich in ihrem sonstigen Leben wahrscheinlich eher feindselig gegenüberstehen. Wo bleibt die kultische Gemeinsamkeit, wenn Bushido Fan A Pal One Fan B das Handy zieht.

Aber so negativ dieses Beispiel sein mag, öffnet sicht in der Akzeptanz von Rap als bloßem Stilmittel eine Vielzahl von Türen zur musikalischen und lyrischen Entwicklung, wie sie im eng gescnhürten Korsett der glücklicherweise überholten Authentizitätsdiskussion nicht möglich gewesen wäre: Abseitige Künstler wie JAW oder Hollywood Hank schaffen es allein durch ihre technische Finesse Rap auf eine neue Stufe zu bringen, gehen aber inhaltlich in die entgegengesetzte Richtung der Hip Hop Doktrin und wären allein deshalb in einer so konservativen Gemeinschaft unmöglich. Das gleiche gillt für z.B. Kollegah, der das größte Tabu des Kulturbewussten Rapfans bricht und aus der Sicht eines fiktiven Charakters rappt oder etwa Deichkind, die es mit Hip Hop’ esker Elektromusik frühzeitig geschafft haben sich von der Szene zu emanzipieren und gleichzeitig die Grenzen ausweiteten. Ihr seht also, dass dieser Abgesang auf die Kultur keine Grabrede ist, sondern der Versuch die fingierte Bedeutungsschwere zu relativieren und einen realistischen Blick die Musikrichtung zu werfen, die so profilneurotisch ist wie keine andere. Welche Gattung sonst ist ihrer selbst so unsicher, dass sie sich ständig besprechen und neu definieren muss, sich im Kreis dreht zu keinem Punkt kommt? Daher sollten wir Hip Hop die Musikrichtung sein lassen, die es ist und weiterhin die Knüppel aus unseren elitären Ärschen ziehen, auf dass der Hip Hop typische Identitätskomplex mit ausgeschieden wird.

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