Archiv für Februar, 2009

Fiva – Rotwild

Montag, Februar 23rd, 2009

cover

Fiva ist ein Reh. Und weil Fiva ein Reh ist, nennt sie ihr Album Rotwild. Sie fühle sich so, sagt sie, zumindest im Vergleich zu der zwar dünn besiedelten, aber um so bunter lackierten Riege der Hip Hop Frauen Deutschlands und Europas. Und tatsächlich wirkt die Münchnerin im ersten Augenblick etwas scheu, wenn man sie sieht, fast wie ein Reh. Doch würde es Fiva als Künstlerin nicht gerecht sie aufgrund ihres schlichten Auftretens nicht für voll zu nehmen. Denn wer weiß, dass Fiva alias Nina Sonnenberg in der Regel eher auf Poetry Slams anzutreffen ist, als auf Battles, eher Rap-Workshops gibt statt Tanzkurse, versteht, dass diese scheinbare Scheu eher eine Art erwachsene Unaufgeregtheit ist.

Denn erwachsen ist Rotwild irgendwo schon, aber nicht spießig. Auf Songs wie zum Beispiel Goldfisch wird deutlich, dass Fiva, ein gutes Stück weiter auf dem Weg zu sich selbst ist, als ihre Hintern wackelnden Kolleginnen. Da geht es nämlich darum, dass man weder Goldketten noch Goldzähne braucht, wenn man selbst ein Goldfisch ist. Fiva ist ein Goldfisch. Das ist natürlich alles übertragend gemeint, aber eben so schön ausgedrückt, wie Fiva es auf fast jedem Song schafft durch ihre Sprache banale Themen interessant zu machen. Etwa wenn sie von Kleinkunst singt. Denn so sehr diese Country Roads vergewaltigenden Coverbands nerven, wenn man ihnen auf Volksfesten oder Firmenfeiern begegnet, so sehr rührt einen die Geschichte von Melody Mandy, Hackbrett Schorsch und Piano Joe; die Aufgegebenen, die auf den kleinsten Bühnen der Welt unverhofft etwas Glück finden. Einer der Höhepunkte des Albums, genau wie Will wollen, ein Liebeslied, das tatsächlich so sympathisch und liebenswürdig ist, dass ich es bitte auf mich beziehen möchte. Überhaupt hört man gerne zu, wenn Fiva aus dem Leben erzählt, weil es so nachvollziehbar ist, weil ihr eben jegliche Selbstbeweihräucherung abgeht und sie sich trotz aller Abgeklärtheit einen naiven Blick auf die Welt und die Musik bewahrt hat (Immer noch). Fiva ist ein alter Hase – aber ein naiver. Der Linzner Produzent Flip zeichnet sich für die musikalische Untermalung des Albums verantwortlich, die wie Fiva selbst ist, ein bisschen: unaufdringlich, aber nicht beliebig, entspannt, aber nicht langweilig. Soulige Bläser, Pianoklänge und Streicher schmeicheln sich um Fivas Strophen und ergänzen sie mit dem richtigen Vocalsample an der richtigen Stelle. Amtliche Sache, genau wie Flips Rapbeitrag, dem einzigen Feature auf Rotwild (Ab und zu).Wir sagen immer immer, aber meinen ab und zu. heißt es da im Refrain – eine von vielen kleinen Weißheiten, die Rotwild zu etwas besonderem machen.

Ob die Massen auf Rotwild anspringen werden, kann ich schwer einschätzen, denn so erfrischend unaufdringlich ich es finde finde, könnte gerade dieser Punkt das Album Manchem unspektakulär erscheinen lassen, denn irgendwelche Hip Hop typischen Banger oder Clubsongs sucht man hier vergeblich. So bleibt, wenn die handwerkliche Qualität auch außer Frage steht, alles übrige Geschmackssache und wirklich empfehlen kann ich das Album vor allem jenen, die den Kopf auch jenseits von Gespitte und Gepose für etwas Poesie öffnen können. Alle übrigen sind wohl mit Kitty Kat besser beraten; die rappt immerhin über ihre Titten.

bewertung

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