
In der nie enden wollenden Diskussion um die Qualität deutschen Hip Hops werden immer wieder neue Künstler heiß gehandelt als Erretter der Szene, bzw. Reinkarnatoren Inhaltlichen Anspruchs, wenn möglich in zeitgemäßem Gewandt, sprich technisch hochwertigen Rapfertigkeiten. Ein Name, der dabei immer wieder – und zuletzt immer lauter – fiel ist der des jungen nicht mehr ganz Newcomers Tua aus Reutlingen, der bekanntlich ein vorübergehendes musikalisches zu hause im hohen Norden bei Deluxe Records gefunden hat, wo nun auch sein neues Soloalbum „Grau“ am 13.02.09 erscheint. Da Tua selbst sich von jeglichen aufgebürdeten Messiaserwartungen wohl lossagen würde, will auch ich „Grau“ fortan nicht hinsichtlich solch unmenschlicher Maßstäbe bewerten, um der Fairness die Ehre zu geben.
Denn als stilistische oder inhaltliche Messlatte eignet sich Tuas neues Werk beileibe nicht; zu eigen ist der Sound, zu düster die Botschaft, zu bitter die Pille. Bereits bei den Orsons als grimmiges Gegengewicht zum Cartoonig-fröhlichem Schweinerap fungierend, stand nach den Eps „Fast“ und „Inzwischen“ zu vermuten, dass Tuas wahrem musikalischem Naturell weniger die heitere Ironie, als die schmerzhafte Realitätsnähe entspricht. Und genau hier setzt „Grau“ an. Während der deutsche Durchschnitts Rapper seine Alben meist mit einem über-selbstbewussten Representer zu beginnen pflegt, gewährt uns Tua in seinem Eröffnungstrack einen ersten Einblick in ein leben nahe am sozialen und psychischen Abgrund, in dem es ständig zu regnen scheint und macht eindrucksvoll deutlich welche Richtung das Album einschlagen wird: es gibt nichts gutes zu sagen, also scheiß drauf. Eine alptraumhafte Darstellung eines Daseins an der Grenze zur Selbstaufgabe wenn nicht gar Selbstzerstörung zieht sich als Leitmotiv durch alle Songs und findet in „Bilder“ einen ersten Höhepunkt. Tua konstruiert hierbei clever ein Gerüst fragmentarischer Einblicke in die Leben gescheiterter Existenzen, die im Laufe des Tracks aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten beleuchtet werden, bis die einzelnen Episoden schließlich in der Person des Erzählers, des Künstlers zusammenlaufen: „Sag mir was du willst, doch das hier ist die Wahrheit, der Maler wird zum Bild, das hier bin ich“ einer der raren Gänsehautaugenblicke, die Rapmusik so selten gelingen. Klanglich prägen lange elektronische Passagen die Songs, die dem Hip Hop gewöhnten Ohr zwar fremd vorkommen mögen, doch ohne es je dabei zu überfordern. Viel mehr untermalt Tuas eigene Handschrift bei der Produktion in ihrer technischen Kälte die Tristesse der Texte und rundet das Albums ab, so dass ein ein Eindruck von zeitloser Eigenständigkeit entsteht. Ein für Tuas Art zu denken beispielhafter Track ist „MDMA“ – vordergründig ein schwereloses Liebeslied, offenbart sich zwischen den Zeilen ein beklemmender Beigeschmack von emotionaler Abhängigkeit und Unsicherheit. Tua schafft es sehr persönliche, aber auch moralische Inhalte zu vermitteln ohne dabei in eine Curse’sche Arroganz zu verfallen oder etwa die selbstverliebte Koketterie eines Clueso und trifft gerade deshalb den Hörer um so schonungsloser. Die Stimmung des Album wird bestimmt durch eine radikal kompromisslose Verzweiflung an der Welt; auf künstlich herbeigeredete Silberstreifen wird verzichtet, einzig „In den Himmel“ ist ein versöhnliches Eingeständnis, dass der Blick auf die Nutzlosigkeit der Existenz eben sehr stark vom Auge des Betrachters abhängt. Der Gastbeitrag von Kool Savas fügt sich erstaunlich gut in den Tenor des Albums, wenngleich er der lyrischen Finesse Tuas nachsteht. Dieser zeigt nämlich nahe zu durchgehend einen sprachlichen Scharfsinn, der auf den Punkt aus Worten Bilder und aus Bildern Stimmungen schafft. Seine literarische Stärke beweist Tua besonders in „Nachtschattengewächs“, einer Momentaufnahme der nächtlichen Großstadthektik im Schein nervös flackernden Neonlichts. Laut, grell, erdrückend. Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, dass Tua gegenwärtig an einem Roman schreibt, erwartet uns sicher kein typisch poppiger Erstlingsroman eines Jungautoren, sondern im Bestfall die 2009-Version eines Franz Kafka.
Tatsächlich wäre jeder der 15 Tracks in meinen Augen hier einer nähere Erwähnung wert, doch will ich nicht noch mehr vom Hörerlebnis vorweg nehmen und begnüge mich mit dem Rat dieses Album nicht leichtfertig zu unterschätzen. Es ist wahrscheinlich im ersten Moment schwer zugänglich und daher nicht zum nebenbei oder im Auto Hören geeignet, sondern fordert dem Hörer seine gesamte Aufmerksamkeit ab, um seine volle Wirkung zu entfalten. Sicher muss man sich auf den eigenwilligen Stil einlassen können oder vielleicht von Natur aus zur Melancholie neigen, doch sind diese Voraussetzungen gegeben, so wird man sich unter Umständen in Tuas grauer Welt verlieren, um sich in irgendeinem Nebensatz, irgendeinem Bild unverhofft wiederzufinden. Und das ist doch schon viel Wert – auch wenn es Deutschrap nicht erretten kann.
