Archiv für Januar, 2009

Tua – Grau

Donnerstag, Januar 29th, 2009

Cover

In der nie enden wollenden Diskussion um die Qualität deutschen Hip Hops werden immer wieder neue Künstler heiß gehandelt als Erretter der Szene, bzw. Reinkarnatoren Inhaltlichen Anspruchs, wenn möglich in zeitgemäßem Gewandt, sprich technisch hochwertigen Rapfertigkeiten. Ein Name, der dabei immer wieder – und zuletzt immer lauter – fiel ist der des jungen nicht mehr ganz Newcomers Tua aus Reutlingen, der bekanntlich ein vorübergehendes musikalisches zu hause im hohen Norden bei Deluxe Records gefunden hat, wo nun auch sein neues Soloalbum „Grau“ am 13.02.09 erscheint. Da Tua selbst sich von jeglichen aufgebürdeten Messiaserwartungen wohl lossagen würde, will auch ich „Grau“ fortan nicht hinsichtlich solch unmenschlicher Maßstäbe bewerten, um der Fairness die Ehre zu geben.

Denn als stilistische oder inhaltliche Messlatte eignet sich Tuas neues Werk beileibe nicht; zu eigen ist der Sound, zu düster die Botschaft, zu bitter die Pille. Bereits bei den Orsons als grimmiges Gegengewicht zum Cartoonig-fröhlichem Schweinerap fungierend, stand nach den Eps „Fast“ und „Inzwischen“ zu vermuten, dass Tuas wahrem musikalischem Naturell weniger die heitere Ironie, als die schmerzhafte Realitätsnähe entspricht. Und genau hier setzt „Grau“ an. Während der deutsche Durchschnitts Rapper seine Alben meist mit einem über-selbstbewussten Representer zu beginnen pflegt, gewährt uns Tua in seinem Eröffnungstrack einen ersten Einblick in ein leben nahe am sozialen und psychischen Abgrund, in dem es ständig zu regnen scheint und macht eindrucksvoll deutlich welche Richtung das Album einschlagen wird: es gibt nichts gutes zu sagen, also scheiß drauf. Eine alptraumhafte Darstellung eines Daseins an der Grenze zur Selbstaufgabe wenn nicht gar Selbstzerstörung zieht sich als Leitmotiv durch alle Songs und findet in „Bilder“ einen ersten Höhepunkt. Tua konstruiert hierbei clever ein Gerüst fragmentarischer Einblicke in die Leben gescheiterter Existenzen, die im Laufe des Tracks aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten beleuchtet werden, bis die einzelnen Episoden schließlich in der Person des Erzählers, des Künstlers zusammenlaufen: „Sag mir was du willst, doch das hier ist die Wahrheit, der Maler wird zum Bild, das hier bin ich“ einer der raren Gänsehautaugenblicke, die Rapmusik so selten gelingen. Klanglich prägen lange elektronische Passagen die Songs, die dem Hip Hop gewöhnten Ohr zwar fremd vorkommen mögen, doch ohne es je dabei zu überfordern. Viel mehr untermalt Tuas eigene Handschrift bei der Produktion in ihrer technischen Kälte die Tristesse der Texte und rundet das Albums ab, so dass ein ein Eindruck von zeitloser Eigenständigkeit entsteht. Ein für Tuas Art zu denken beispielhafter Track ist „MDMA“ – vordergründig ein schwereloses Liebeslied, offenbart sich zwischen den Zeilen ein beklemmender Beigeschmack von emotionaler Abhängigkeit und Unsicherheit. Tua schafft es sehr persönliche, aber auch moralische Inhalte zu vermitteln ohne dabei in eine Curse’sche Arroganz zu verfallen oder etwa die selbstverliebte Koketterie eines Clueso und trifft gerade deshalb den Hörer um so schonungsloser. Die Stimmung des Album wird bestimmt durch eine radikal kompromisslose Verzweiflung an der Welt; auf künstlich herbeigeredete Silberstreifen wird verzichtet, einzig „In den Himmel“ ist ein versöhnliches Eingeständnis, dass der Blick auf die Nutzlosigkeit der Existenz eben sehr stark vom Auge des Betrachters abhängt. Der Gastbeitrag von Kool Savas fügt sich erstaunlich gut in den Tenor des Albums, wenngleich er der lyrischen Finesse Tuas nachsteht. Dieser zeigt nämlich nahe zu durchgehend einen sprachlichen Scharfsinn, der auf den Punkt aus Worten Bilder und aus Bildern Stimmungen schafft. Seine literarische Stärke beweist Tua besonders in „Nachtschattengewächs“, einer Momentaufnahme der nächtlichen Großstadthektik im Schein nervös flackernden Neonlichts. Laut, grell, erdrückend. Sollte sich das Gerücht bewahrheiten, dass Tua gegenwärtig an einem Roman schreibt, erwartet uns sicher kein typisch poppiger Erstlingsroman eines Jungautoren, sondern im Bestfall die 2009-Version eines Franz Kafka.

Tatsächlich wäre jeder der 15 Tracks in meinen Augen hier einer nähere Erwähnung wert, doch will ich nicht noch mehr vom Hörerlebnis vorweg nehmen und begnüge mich mit dem Rat dieses Album nicht leichtfertig zu unterschätzen. Es ist wahrscheinlich im ersten Moment schwer zugänglich und daher nicht zum nebenbei oder im Auto Hören geeignet, sondern fordert dem Hörer seine gesamte Aufmerksamkeit ab, um seine volle Wirkung zu entfalten. Sicher muss man sich auf den eigenwilligen Stil einlassen können oder vielleicht von Natur aus zur Melancholie neigen, doch sind diese Voraussetzungen gegeben, so wird man sich unter Umständen in Tuas grauer Welt verlieren, um sich in irgendeinem Nebensatz, irgendeinem Bild unverhofft wiederzufinden. Und das ist doch schon viel Wert – auch wenn es Deutschrap nicht erretten kann.

Bewertung

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Hip Hop? Mach mal ‘nen Punkt…

Donnerstag, Januar 8th, 2009

Es ist seit Anbeginn der Zeit der menschlichen Zivilisation gegeben, dass die meisten Menschen Musik als einen nicht unerheblichen Teil ihes Lebens ansehen und weiterhin ist es gegeben, dass Menschen sich gern mit Gleichgesinnten zusammenrotten. Musik und Gemeinschaft sind also zwei scheinbar grundlegende menschliche Bedürfnisse, daher verwundert es kaum, dass es dabei hin und wieder zu Überschneidungen kommt; so auch im Falle Hip Hop. Doch ist die Vorstellung von Hip Hop als Kultur solidarischer Verbundenheit in meinen Augen pubertär und romantisch. Eine schlichte Musikrichtung zur Lebensart hochzustilisieren, mag in der goldenen Ära des Punks oder von mir aus auch den Anfangstagen des Hip Hops Sinn gemacht haben, doch wirkt es übertragen auf den hiesigen Durchschnitts-Raphörer in mitteldeutschen Kleinstädten eher deplaziert. Was hat dieser nämlich damit zuschaffen, dass im Amerika der 80er und 90er Jahre ein Teil der afro-amerikanischen Gemeinschaft New Yorks so wütend über ihre Armut war, dass sie ihrem Leid innovativ Ausdruck verleihen wollte? Richtig, nichts. Ich mag gute Beats, Reime, Ideen und Flows und fühl mich von den vermittelten Inhalten im besten Falle unterhalten oder gar persönlich betroffen. Ich bin absoluter Rapfan und Nerd, doch von irgendeiner Art Kultur spühre ich nichts, traurig aber wahr. Aber hey, ich bin mir sicher da kein Einzelfall zu sein; erforscht eure Gefühle: wahrscheinlich geht es vielen genauso, auch wenn sie bislang der Überzeugung waren „Hip Hop zu sein“ – wie albern das schon klingt. Die von der Echthalter-Fraktion proklamierten Werte der kritischen Wachsamkeit durch Angehörigkeit der Hip Hop Kultur zu begründen, halte ich für etwa so dreist wie die die zehn Gebote als moralisches Credo anzuwenden: Eigenschaften, die jedem aufgeklärten Menschen selbstverständlich erscheinen dürften – etwa Empathie, Sozialität, Integrität, politisches Bewusstsein – werden als kulturdefinierende Errungenschaften der Hip Hop Gemeinschaft hochgehalten. Einfacher gesagt: Ich kann auch ohne die Geißeln einer Kulturvorstellung engagiert sein, genauso wie ich Nächstenliebe praktizieren kann, ohne den zehn Geboten zu folgen. Zumal diese idealistischen Vorstellung ja in den seltensten Fällen der Realität entsprechen: schaut euch doch mal ein Groß der sogenannten Vertreter der Hip Hop Kultur in Deutschland an. Gerade die unaufhaltsame Internetbewegung degeneriert den Raphörer zum Forumsnazi, der sich vor allem dadurch auszeichnet, dass man nicht mit ihm reden kann. Oder will. Denn ganz ehrlich: ich persöhnlich unterhalte mich lieber mit coolen Leuten anderer Szeneangehörigkeit als irgendwelchen Dogmatikern mit meinem Stallgeruch.

Wie schlimm es tatsächlich um die viel beschworene Hip Hop Kultur bestellt ist, verdeutlichen die abenteuerlichen Versuche einer Defintion, auf die ich bei der Recherche zu diesem Artlikel gestoßen bin: „Hip Hop ist ein Gefühl in mir!“ …”Hip Hop ist die Art wie ich mich kleide, wie ich rede und wie ich denke.“ … „Hip Hop ist das Gebet der Straße.“ Aha. Noch etwas transzendentaler und Tupac müsste tatsächlich der Beiname „von Nazaret“ angehängt werden. Bei einer solch schwammigen Begrifflichkeit fällt es nicht schwer sich in irgendeiner Art zugehörig zu fühlen, und sei es nur um der eigenen Identitätslosigkeit Inhalt zu geben. Natürlich, es gibt noch Breakdance und Graffiti und DJing als tragende Säulen des Hip Hop Schwamms, doch Hand aufs Herz: wie viele von euch breaken, cutten oder sprühen wirklich? Auf ernst zunehmder Basis meine ich. Bitte definiert euer Hip-Hoptum über etwas ehrlicheres. Kultur bedingt Einsatz und Aktivität – nicht bloß den Konsum bestimmter Lieder und rumgammeln in Internetforen.

Versteht mich nicht falsch, es ist mir durchaus bewusst, dass Hip Hop auch ausserhalb des www stattfindet, etwa auf Festivals, Konzerten und was weiß ich was noch für Workshops in Jugendzentren und tatsächlich hatte ich beim HHK 07 ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl, bedingt durch gemeinsame Erlebnisse in einer aussergewöhnlichen Situation, ABER: ist es auf Rockkonzerten & Festivals nicht auch so? Und das ohne diese klebrige Kulturvorstellung? Hip Hop ist ein Massenphänomen unter Jugendlichen und damit als Bewegung ad absurdum geführt. Als in den 90er Jahren noch tatsächlich eine geschlossene Front von Aussenseitern sich gegen den Mainstream gestellt hat und Nischenmusik produzierte, hätte ich mich mit dem Kulturbegriff wahrscheinlich noch anfreunden können, doch ist das heute komplett verloren gegangen, in einer Szene die so vielschichtig ist, dass sie Menschen derart verschiedenen Schlags abdeckt, dass sie sich in ihrem sonstigen Leben wahrscheinlich eher feindselig gegenüberstehen. Wo bleibt die kultische Gemeinsamkeit, wenn Bushido Fan A Pal One Fan B das Handy zieht.

Aber so negativ dieses Beispiel sein mag, öffnet sicht in der Akzeptanz von Rap als bloßem Stilmittel eine Vielzahl von Türen zur musikalischen und lyrischen Entwicklung, wie sie im eng gescnhürten Korsett der glücklicherweise überholten Authentizitätsdiskussion nicht möglich gewesen wäre: Abseitige Künstler wie JAW oder Hollywood Hank schaffen es allein durch ihre technische Finesse Rap auf eine neue Stufe zu bringen, gehen aber inhaltlich in die entgegengesetzte Richtung der Hip Hop Doktrin und wären allein deshalb in einer so konservativen Gemeinschaft unmöglich. Das gleiche gillt für z.B. Kollegah, der das größte Tabu des Kulturbewussten Rapfans bricht und aus der Sicht eines fiktiven Charakters rappt oder etwa Deichkind, die es mit Hip Hop’ esker Elektromusik frühzeitig geschafft haben sich von der Szene zu emanzipieren und gleichzeitig die Grenzen ausweiteten. Ihr seht also, dass dieser Abgesang auf die Kultur keine Grabrede ist, sondern der Versuch die fingierte Bedeutungsschwere zu relativieren und einen realistischen Blick die Musikrichtung zu werfen, die so profilneurotisch ist wie keine andere. Welche Gattung sonst ist ihrer selbst so unsicher, dass sie sich ständig besprechen und neu definieren muss, sich im Kreis dreht zu keinem Punkt kommt? Daher sollten wir Hip Hop die Musikrichtung sein lassen, die es ist und weiterhin die Knüppel aus unseren elitären Ärschen ziehen, auf dass der Hip Hop typische Identitätskomplex mit ausgeschieden wird.

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